SCHULZEIT
Mit dreizehn entdeckte Peter Zeitlinger die Möglichkeit, Bilder in Bewegung zu bringen:
Der Vater seines Freundes besass eine Super8 Kamera und hat sie in seiner gynökologischen
Ordination aufbewahrt. Als der pubertiernede Peter Zeitlinger mit seinem Freund heimlich den
Arzt bei der Arbeit beobachtet haben, entdeckten sie die Kamera. Peter Zeitlinger hat sich
heimlich in der Nacht in die Ordination geschlichen und diese Kamera ausgeliehen.
In nächtelangen Arbeiten erstellte er mit Hilfe des Lichts aus der Operationslampe
eigene Zeichentrickfilme, bevor er sich jeden Tag vor dem Morgengrauen aus der
Ordination des Arztes geschlichen hat. Eines Nachts ist Peter Zeitlinger vom Vater seines
Freundes erwischt worden und zu seiner Überraschung wurde er nicht gerügt,
sondern seine Arbeiten konnten den wohlhabenden Arzt dermassen rühren,
dass er dem "armen Flüchtlingskind" die Kamera geschenkt hat.
So konnte Peter Zeitlinger nun auch in der Welt draussen und bei Tageslicht filmen. Mit einem
seiner ersten Filme "We walked" hat er bei einem Jugendfilmfestival
eine Kamera mit Zoomobjektiv und Tonaufzeichnung, als Preis gewonnen. Nun konnte
die Filmerei richtig losgehen. Bis zu seiner Aufnahme auf die Filmakademie 1980
entstanden an die 70 Kurz und Trickfilme. Peter Zeitlingers erster Zeichentrickfilm "der
Geburtstag" war seine Eintrittskarte zum Filmstudium, denn der wortkarge
Peter Zeitlinger hätte sonst nicht mit den Plappermäulen Schritt halten können.
DIE STUDIENJAHRE
Michael Snow und Peter Kubelka waren Peter Zeitlingers grosse Lehrmeister. Peter Zeitlinger hat Peter K
in Linz kennengelernt und war von seinem umfassenden Kunstbegriff fasziniert.
Er brachte ihm die Zusammenhänge zwischen Musik, Kochen und Filmen nahe.
In allen dieser drei Lebensausdrücken stecken die selben Gesetze: das Zusammenfügen
(Montage, Komposition) und das Erleben in der Zeit (Dramaturgie) Dieses zusammenfassende
Denken ermöglichte Peter Zeitlinger, obwohl er eigene Filme machen wollte, sich auf Kamera
und Schnitt zu spezialisieren, und der Überzahl der Bewerber für Regie
Platz zu machen. Auf diese Weise konnte er für all die Regisseure auf der
Filmakademie die Filme drehen und mehr handwerkliche Erfahrung als jeder andere
machen. Neben dem Filmstudium besuchte er Vorlesungen bei Lachmayer und Prof.
Mader auf der philosophischen Fakultät in Wien und studierte künstlerisches
Management bei Jungblut und Dieter Ronte um den akad. Grad magister artium zu
erlangen. Peter Zeitlingers filmtheoretische Arbeiten erweckten bei der Lehrerschaft grosses
Aufsehen, nachdem sie in der Hochschulzeitung veröffentlicht wurden, denn
in der "Abschaffung der Montage" widerlegte Peter Zeitlinger akribisch und mit philosophisch
fundiertem Wissen die Existenz der "Filmgrammatik" was nicht nur die
Filmtheoretiker unter den Professoren in Aufruhr brachte, denn ihre Lehrerexistenz
war damit untergraben, sondern vorallem die Praxisorientierten, denn ihre heere
Auffassung des Filmschneidens und des Belichtens sollte plötzlich ohne
Regeln und Vorschriften nur mehr Ausdruck von Lebendigkeit und Verantwortlichkeit
sein. Obwohl Peter Zeitlinger nicht für Regie inskripiert war, setzten sich gerade die
Lehrbeauftragten für Regie (A. Stummer und A. Corti) für Peter Zeitlingers gefährdeten
Diplomabschluss ein, der später vor dem Rektorat mit Auszeichnung abgelegt
wurde.
DER WEG ZUM ERSTEN KINOFILM
Schon während der Studeinzeit schrieb Peter Zeitlinger mehrere Drehbücher.
Eines der Bücher, an denen Peter Zeitlinger mitgearbeitet hat, war: TUNNELKIND (mit Erhard
Riedlsperger). Die Geschichte spielt an der Grenze zwischen Österreich
und der Tschechoslowakei Ende 60 als der Eiserne Vorhang aufgebaut wurde. Das
Thema Grenze und Ausgrenzung taucht immer wieder in seinen Arbeiten auf. Peter Zeitlinger
konnte mit diesem Drehbuch viele Kindheitserinnerungen aus seinem Leben aufarbeiten.
Obwohl zahlreiche Preise und Auszeichnungen die Studentenfilme, die von Peter Zeitlinger gedreht
wurden, auszeichneten, war es im Beamtenorientierten Östereich zunächst
nicht möglich, dass ein Hochschulabgänger sofort als Kameramann oder
Regisseur arbeiten kann. Jahrelanges Asssitieren und Klinkenputzen war angesagt.
Durch Peter Zeitlinger angeregte Diskussion im Direktorium der Filmförderung hat man
sich zu einer Ausnahme dieser Regel entschlossen: Zum erstenmal durfte ein Erstlingsregisseur,
Erhard Riedlsperger, ein Studienkollege von Peter Zeitlinger, seinen Wunschkameramann Peter Zeitlinger haben,
obwohl es auch für ihn der "erste grosse Kinofilm" war. Mit Hochspannung
haben die Medien, die Filmbrange und die Studentenschaft die Dreharbeiten an
der tschechischen Grenze verfolgt. Von einer Komission wurden die Muster täglich,
noch bevor sie Regisseur und Kameramann zu Gesicht bekamen beurteilt, und über
das Weitermachendürfen entschieden. Eine alteingesessene Ersatzcrew stand
bereit, um im Falle eines Versagens die Dreharbeiten zu übernehmen. Nach
einer Woche wurde die Ersatzcrew entlassen und der Film kam nach Berlin zum
Festival.
Der Film erzählt wie ein kleines Mädchen bei den Bauarbeiten am elektrischen
Grenzzaun einen Bauleiter heimlich überzeugt, die Zaunführung über
einen geheimen Tunnel zu leiten, und somit einen Weg in die Freiheit zu lassen.
Während der Dreharbeiten zu TUNNELKIND fiel der Eiserne Vorhang der Tschechoslowakei.
Die Geschichte des Films schien von der Geschichte der Welt eingeholt worden
zu sein. Auch die Berlinale war im Zeichen der Befreiung der kommunistischen
Länder und der Film wurde als einer der aktuellsten gefeiert.
KONTAKT ZU WERNER HERZOG
Wieder eine Geschichte der Ausgrenzung: GOOD NEWS mit Filmkollegen und Freund,
Ulrich Seidl, hat Peter Zeitlinger veranlasst, diesmal nicht am Drehbuch, (denn es handelte
sich um einen Dokumentarfilm), sondern am Schnitt mitzuarbeiten. Der Dokumentarfilm
entsteht am Schneidetisch ist eine Binsenweisheit, aber in diesem Fall, bei
dem über ein Jahr abwechselnd gedreht, abwechselnd geschnitten, daraufhin
neurecherchiert worden ist und eine Bildersprache entwickelt wurde, die eher
an Gemälde als an Filmbilder erinnert. GOOD NEWS ist ein radikaler Dokumentarfilm
über ausländische Zeitungsverkäufer in Wien. Erbarmungslos verfolgt
die Kamera minutenlang ohne Schnitt die qualvollen Versuche der Protagonisten,
eine österreichische Boulewardzeitung zu an den Mann zu bringen. Den Filmemachern
Seidl und Zeitlinger gelang es, diese Abgründigkeit der Verachtung und
menschlichen Diskriminierung auf die Leinwand zu bringen. Die Filmförderung
hat sich geweigert, den Film abzunehmen. Es schien für Peter Zeitlinger und U.Seidl der
letzte Film. Werner Herzog war zu diesem Zeitpumkt in Wien und hat sich den
Film am Schneidetisch angesehen. Er war begeistert. Er veröffentlichte
sofort einige Artikel über GOOD NEWS und die Macher. Die Filmförderung
hat gezahlt und der Film wurde ein Festivaldauerbrenner.